Abgesehen von dem kurzen Memorandum des Juan Simón Coronel und dem Fragebogen des Tomás López besitzen wir weder Beschreibungen noch Berichte, die uns Auskunft über das Leben im Dorfe während des XVIII. Jahrhunderts geben würden. Immerhin verfügen wir über eine andere Quellen, die etwas trockener sein mögen; es handelt sich dabei um die Zensi von Aranda (1768) und Floridablanca (1787), die uns genaue Daten über die Bewohner und ihr Umfeld liefern. Ausserdem stehen Dokumente benachbarter Dörfer zu Verfügung, so dass wir mittels der Deduktion und Analogie mehr über den Gegenstand unserer Untersuchung erfahren können. Mit den oben beschriebenen Werkzeugen ausgerüstet wollen wir den Versuch wagen, eine Skizze Castaño del Robledo im XVIII. Jahrhundert zu zeichnen.

Und schon stolpern wir über das erste Rätsel: Was ist geschehen auf dass ein Dorf, das während zweier Jahrhunderte seine Bevölkerung unter 200 Seelen hielt, plötzlich mit unbeschränktem Wachstum beginnt und so auf920 Einwohner in Jahre 1795 kommt? Man darf davon ausgehen, dass die landwirtschaftliche Nutzfläche ungefähr 200 Einwohner ernähren kann. Aber woher kam der Mehrertrag, welcher das zusätzliche Wachstum ermöglichte? Der Fragebogen des Tomás López weist und die Richtung (> Antworten 8 und 10 <). Im XVIII. Jahrhundert beginnt in Europa der Anbau der Kartoffel als Volksnahrungsmittel. Es scheint nun, dass Castaño del Robledo eines der ersten Dörfer Andalusiens war, die eine beträchtliche Fläche diesem Anbau widmeten. !752 werden 42Hektaren von insgesamt 376 bewässert. Nur Almonaster besitzt mehr, nämlich 49, während es in Aracena 14, in Alájar 28, in Jabugo 10, und Fuenteheridos 2 und in Galaroza 0 sind. Wenn wir aber anstelle der absoluten Zahlen die Fläche pro „Vecino“ nehmen, kommt die einzigartige Stellung Castaños noch mehr zum Vorschein: es waren 0,212 Hektaren pro „Vecino“ während der Koeffizient von Alájar 0,070 war, von Jabugo 0,142 und von Fuenteheridos 0,017. Dem Fragebogen des Tomás López entnehmen wir, dass die bewässerte Fläche 2 Ernten pro Jahr ermöglichte: Im Winter wurde Weizen gesät und im Sommer, die Bewässerung ausnutzend, pflanzte man die Kartoffeln, welche um die Weihnachtszeit ausgegraben wurden. Ein weiterer wichtiger Faktor waren die Kastanien. In Castaño widmete man ihnen 303 Hektaren, während es in Aracena 390, waren, in Alájar 6, in Jabugo 56, in Galaroza 84 und in Fuenteheridos 63. Die 199 Schweine, 256 Ziegen und 96 Kühe für 198 „vecinos“ lassen darauf schliessen, dass die Viehwirtschaft nur dem Selbstunterhalt diente. Wir haben also ein Dorf vor uns, das sich besonders auf 2 Produkte, nämlich die Kastanien und die Kartoffeln spezialisiert hat. Die nächste Frage, die sich nun stellt ist: wohin mit dem Überschuss? Castaño verfügte 1752 über 80 Esel, aber keine Maultiere. Auch gab es nur 8 Säumer und 18 Händler. Diese Art Händler widmete sich vorallem dem lokalen Verkehr, währenddem die Säumer sich um den Fernverkehr kümmerten. In Alájar lebten zur selben Zeit 127 Säumer, die über 237 Maultiere verfügten. Daraus dürfen wir schliessen, dass sich der Aussenhandel Castaños mehrheitlich über Zwischenhändler aus Alájar abspielte. Üblicherweise wurden die Kartoffeln und Kastanien nach Cádiz gebracht, wo aus dem Erlös Zucker und Kakao eingekauft wurde. Diese Ware wurde nun zusammen mit Kartoffeln und Kastanien in der Extremadura verkauft, wo man sich dann mit Weizen, Gerste, Stoffen, und Decken versah, alles Dinge,die im Dorfe fehlten. Die Anzahl von 80 Eseln unterstreicht diese Art von Landwirtschaft und den kurzen Transport zum regionalen Sammelzentrum. Hier können wir nun eine der Haupteigenschaften der Leute von Castaño betrachten, die den späteren Verfall ¨zu erklären vermögen: Das Verkaufen an den Erstbesten ohne sich um Funktionieren des Marktes jenseits der Gemeindegrenzen zu kümmern. Auf diese Weise blieb ein Grossteil des Mehrwertes ausserhalb des Dorfes. Trotz dieses Fehlverhaltens ermöglichte dieser Handel über drei Seiten das Wachstum einer Bevölkerung, die nun nicht mehr von der Selbstversorgung abhängig war. So erreichte man die Zahl von 68 Einwohnern pro Quadrat Kilometer, was damals ein einsamer Rekord in der Region darstellte.

Ein besonderes Kapitel stellt der Wein dar. 1752 gab es 5 Weinkelter und im Fragebogen des Tomás López taucht die Ziffer von 2000 Arroben (1 Arroba = 16,13 Liter) Wein auf, eine nicht zu verachtende Menge für 920 Einwohner. Trotzdem erfahren wir nichts über eine eventuelle Ausfuhr. Es kann ja auch sein, dass er nur für den lokalen Gebrauch bestimmt war. Auf alle fälle hing das Dorf doch sehr vom Güteraustausch und vom Handel ab, da es an vielen Gebrauchsgütern mangelte. Unter anderem litt es an einem chronischen Getreidedefizit, die Ernte deckte gerade Mal einen Sechstel des Bedarfs. Ja es wurden sogar Schweine zum Schlachten gekauft. Auch gab es wenig Handwerker. 1752 gab es 3 in der Metallverarbeitung, 6 im Schreinergewerbe, 4 in der Lederverarbeitung und 2 im Baugewerbe. Es fehlten Beschäftigte der Keramik und des Lebensmittelsektor. Eine Möglichkeit fehlende Güter zu erwerben oder spezialisierte Handwerker zu finden bot Aracena. Schon 1731 wird der Wochenmarkt erwähnt der auch heute noch samstags stattfindet. Es bereitet ein gewisses Vergnügen, sich die Leute von Castaño vor zu stellen, wie sie auf den Markt nach Aracena gingen, was sie ja auch heute noch tun, nur mit dem Auto anstatt mit dem Esel.

Die Einwohner verfügten über ein mittleres Einkommen, 1752 gab es keinen Adeligen, 64 Steuerpflichtige, 100 Taglöhner, 15 notorisch Arme und 17 ohne Angaben (alles in „vecinos“). Es gibt keinen „Labrador“ (Bauer, der seinen eigenen, grösseren Betrieb betreibt). Einige Häuser und „la Fuente del Barrio“ legen auch heute noch Zeugnis eines gewissen Wohlstandes im XVIII. Jahrhundert ab. Vor dem Hintergrund der wachsenden Bevölkerung und dem hereinkommenden Erlös des Handels versteht man auch den Bau einer neuen und grösseren Kirche, die freilich nie vollendet wurde.